Gemeindegewölbe und Freiheitsbrief

gemeindegewoelbe

"Der Sigriswiler alte Freiheitsbriefe ich bewach', die Freiheit selber zu erhalten, das ist eure Sach".

Eine treffendere Aufforderung hätte die Autorin des Spruchs am Gemeindegewölbe, Frau Elisabeth von Steiger-Wach, der Sigriswiler Bevölkerung kaum geben können.

Die Leute von Sigriswil haben sie schon früh wahrgenommen. Im Jahre 1564 errichten sie auf dem Dorfplatz  einen festen Gewölbekeller, der fortan ihren Freiheitsbrief und andere Urkunden  zu bewahren und zu schützen hatte.

Ein Teil von Napoleons Truppen, welche 1798 in die Schweiz einmarschierten, stürmten auch Sigriswil. Sie vermuteten Gold und andere Schätze im Gemeindegewölbe. Die Schusslöcher sind Zeuge des Versuchs, die Türe zu öffnen – es blieb beim Versuch.
Anlässlich der Renovation von 1896 wird der Spruch am Gewölbe angebracht, die Wappen des Standes Bern und der Gemeinde Sigriswils kommen ebenso an die Gewölbewand wie die Daten von Bau und Renovation.

Nach dieser Renovation dient das Gemeindegewölbe bis zum Bau des neuen Schul- und Gemeindehauses 1913 der jungen Einwohnergemeinde noch kurz als Gemeindearchiv.
Dann steht es lange Zeit leer, und droht seinen eigentlichen Sinn zu verlieren und von der Bevölkerung oft nur noch als Verkehrshindernis wahrgenommen zu werden.
Im Sommer 2003 wird das Gemeindegewölbe neu renoviert und am 1. August 2003 vom Gemeinderatspräsidenten in einem symbolischen Akt der Gemeindebevölkerung übergeben.
Sie soll damit an ihre Herkunft erinnert und ermuntert werden, Verantwortung zu übernehmen, nach Kräften am Gemeinwesen mitzuarbeiten und mit Mut und Engagement für Freiheit, Kultur und Glauben einzustehen.

Das Gemeindegewölbe ist mit dieser Übergabe wieder zur Sache unserer Bevölkerung geworden.

Das kleinste Museum der Welt

Jedes Dorf, das etwas auf sich hält, betreibt ein eigenes Museum, wo die Dorfgeschichte in Wort, Bild und Gegenständen dargestellt wird.
Seit dem 1. August 2003 steht auch in Sigriswil ein Museum: Das kleinste Museum der Welt!  Die Ausstellungsfläche misst  2,07 x 2,06 m, also 4,2642 m².  Das Sigriswiler Gemeindegewölbe!

Der Raum ist gerade so gross, dass man die Kopie des Freiheitsbrief ausstellen und betrachten kann. Die engen Verhältnisse in diesem ruhigen, schönen Raum laden ein, sich Gedanken über die Freiheit zu machen..., um dann später, die Kulturlandschaft Sigriswil zu durchstreifen, in Kirchen einzukehren, die schönen Dörfer, die blumengeschmückten Bauernhöfe zu bewundern, den Menschen beim Arbeiten zuzusehen, am Wasser zu verweilen, den Duft der Alpweiden einzuatmen und dem Jauchzen der Sennen zu lauschen:
Das zu erleben, was man vielerorts nur noch in Museen hört und sieht.

So wird das Museum und der darin ausgestellte Freiheitsbrief zum Herzstück des politischen, kulturellen und kirchlichen Lebens der Landschaft Sigriswil.
Ein beschaulicher Aufenthalt im Gemeindegewölbe, kann für Sie, liebe Besucher, Schlüssel und Anstoss dazu sein, das kulturelle Erbe unserer Gemeinde in freier Natur zu entdecken, zu erleben und zu staunen, wie der Geist des Freiheitsbriefes  bis heute in unserer Gemeinde gegenwärtig ist.

In den nächsten Ausstellungen werden in den kommenden Jahren unsere elf Dörfer vorgestellt.

Wir freuen uns auf Ihren Besuch und wünschen Ihnen dazu viel Freude!

Öffnungszeiten:

Oktober-Mai:
Montag bis Freitag 09.00 – 12.00 Uhr

Juni September:
Montag bis Freitag 09.00 – 12.00 Uhr und 16.00 – 18.00 Uhr
Samstag 09.00 – 12.00 Uhr

Der Freiheitsbrief

freiheitsbrief

Unsere Kenntnis der Vergangenheit stützt sich auf verschiedene Quellen: Bauten, Ausgrabungen, Chroniken, Zeichnungen, Stiche und Urkunden. Für die mittelalterliche Geschichte bilden die Urkunden das Gerüst der Überlieferung und gelten, im Gegensatz zu Chroniken, als verlässliche Zeugnisse der Vergangenheit.

Sie enthalten präzise Daten, nennen die Namen von Personen, Ortschaften, und Grenzverläufen und ihr Inhalt trägt den rechtsverbindlichen Charakter eines Vertrags, einer Schenkung, einer Stiftung, eines Verkaufs, eines Gerichtsurteils oder irgend eines Rechtsstreits.
Bis ans Ende des 13. Jahrhunderts ist die Urkundensprache Latein. Im 14. Jahrhundert sieht sich der verarmende Adel allerorts gezwungen, Land und Rechte vermehrt an Städte oder freie Bauern zu veräussern und so mit diesen "gewöhnlichen Männern" Verträge, Händel oder Loskäufe abzuschliessen; als Urkundensprache bürgert sich nun die Deutsche Sprache ein.

Die Gemeinde Sigriswil ist im Besitze eines solchen in Deutsch verfassten Loskaufvertrages, den wir in unserer Gemeinde den "Sigriswiler Freiheitsbrief" nennen.
Laut diesem Vertrag hat der Landgraf Eberhard II. von Kyburg im Juli 1347 den "lüt und gemeinde der parrochi von Sigriswile" seine Lehensrechte auf Wälder, Weiden, Wasser und Alpen, zwischen der Blueme und dem Sigriswilergrat gelegen, verkauft.

Die Dorfbewohner, die wohl schon früher zu gewissen Freiheiten gekommen waren, werden sie doch im Brief mit "Gemeinde" bezeichnet, lösen mit dem Kauf ihre Abhängigkeit von diesem adligen Grundherrn auf und erweitern zudem ihren Landbesitz nach Norden und Westen hin zur Grenze, wie sie noch heute besteht.
Einzig das Justistal und das Ralliggut  gehören in dieser Zeit noch nicht zum Gemeindegebiet, sondern zum Augustinerkloster Interlaken, dem damals grössten Landbesitzer der Region, dem man, trotz weltlichem Loskauf, auch in Zukunft den Kirchenzehnten zu zahlen hatte.

Im 17. Jahrhundert fällt das Justistal endgültig zum Gemeindegebiet von Sigriswil. Hierüber gibt der Marchbrief von 1627 Auskunft, in dem der Grenzverlauf unserer Gemeinde zum ersten Mal ganz aufgeführt wird.

Der Sigriswiler Freiheitsbrief von 1347 ist für unsere Gemeinde das, was der Bundesbrief für die Schweiz ist: Wir deuten ihn als das Ende der willkürlichen, oft tyrannischen Regentschaft des Adels über die Bürger und die Bauern und als den Beginn einer Entwicklung hin zu einem demokratischen Staat von Menschen, die in Frieden und Freiheit  zusammenleben wollen.
Diese Entwicklung ist nie abgeschlossen. Das hat die Geschichte auch die Leute von Sigriswil gelehrt: Hart errungene Freiheit schmilzt schleichend weg, eh' man's gedacht.
Kurze Zeit nach ihrem Loskauf von den Kyburgern kommen die Sigriswiler unter die Fittiche von Bern, mit dem sie immer wieder hart um ihre alten Rechte ringen müssen.

Der Freiheitsbrief zeigt uns auf, wie zerbrechlich das Gut Freiheit ist, und wie sehr wir darauf acht geben müssen, sie nicht nach und nach zu einer "Freiheit" verkommen zu lassen, welche von egoistischem, rücksichtslosem Handeln zum eigenen Vorteil bestimmt wird.

Auch grenzenlose Freiheit gibt es nicht. Es braucht Gesetze, die das friedliche Zusammenleben der Bürger, auch in Gemeinde und Staat, sicherstellen.
Freiheit ist so immer gepaart mit Gerechtigkeit und mit Solidarität und überlebt nur in einem Gemeinsinn, der am Zusammenleben und am Wohl aller Bürger einer Gemeinde oder eines Staates interessiert ist.

Daran erinnert uns der Freiheitsbrief, und das macht ihn für uns auch heute noch zu einem Dokument von unschätzbarem Wert.

Text: Ueli Häsler, Merligen